Aus dem Archiv: Bericht über Salgado-Ausstellung

Vor langer Zeit habe ich einen Artikel geschrieben, den ich heute hervorhole und hier publiziere, weil er mit Fotografie zu tun hat – ein Thema mit dem ich mich bekanntlich aktuell wieder gerne beschäftige.

Bilder von Menschen auf der Flucht

«Migration» heisst die Ausstellung mit Fotografien von Sebastião Salgado im Berner Kornhaus. Eine Begegnung mit den vielen Gesichtern der Flucht.

Nicht alle Migrantinnen und Migranten sind Flüchtlinge, die wegen politischer Verfolgung oder Krieg Landesgrenzen überqueren. Hunderttausende in Asien und in Südamerika wandern aus Armut vom Land in die Grossstädte ab. Gemeinsam ist allen das Schicksal als Fremde.
Der brasilianische Fotograf Sebastião Salgado hat während sechs Jahren in vierzig Ländern Menschen fotografiert, die aus ihrer Heimat geflohen sind – unterwegs, in den Lagern und in den städtischen Slums. Entstanden ist die Ausstellung «Migration». Sie besteht aus den Teilen «Wanderer und Flüchtlinge», «Die afrikanische Tragödie», «Lateinamerika», «Asien» und «Kinderporträts».
Kommt man in die Halle des Berner Kornhausforums, ist zunächst nur das Ausstellungsplakat zu sehen. Die Besucherinnen und Besucher mögen sich die Frage stellen: «wohin jetzt?», etwa wie die Menschen, die ihr Zuhause verlassen haben auf dem Weg in eine ungewisse Zukunft. Den Weg zu den Bildern auf der Rückseite der weissen Stellwände sucht man sich selber.
Sebastião Salgados Schwarzweiss-Bilder zeigen bewegte Menschen: Bauern an ihrer Arbeit, Gläubige beim Gebet in der Moschee, Trauernde an einer Beerdigung, Kinder beim Spielen, Bootsflüchtlinge beim Versuch, eine Meerenge zu überqueren. Und müde Menschen: Verletzte, die auf Versorgung warten, Schlafende, Weinende.
Die insgesamt 300 grossformatigen Fotografien vermögen die Betrachterinnen und Betrachter zu berühren, weil hier Menschen in würdevoller Distanz abgebildet sind. «Um die Realität abzubilden, nehme ich die Ästhetik zu Hilfe, denn in der Poesie der Bilder konzentriert sich die Information», sagt der Fotograf. Salgado zeigt keine offene Gewalt und keinen Schrecken.
Salgado ist nicht ein «war photographer». Eher ist er ein Moralist: «Noch nie ist für mich so deutlich geworden, wie eng alles, was heute in der Welt geschieht, miteinander verflochten ist. Die tiefer werdende Kluft zwischen Arm und Reich, die allgemeine Verfügbarkeit von Information, das Bevölkerungswachstum in der Dritten Welt, die Automatisierung der Landwirtschaft, die ausufernde Urbanisierung, die Umweltzerstörung und nationalistischer, ethnischer und religiöser Fanatismus gehen uns alle an. Die Menschen, die aus ihrer Heimat gerissen werden, sind nur die sichtbarsten Opfer einer globalen Erschütterung, die wir selbst und niemand sonst ausgelöst haben».

Auch noch lesen:  Blitzsynchronisationszeit: Kein Thema mit digitaler Kompaktkamera

Sebastião Salgado wurde 1944 in Brasilien geboren und wuchs auf einem Bauernhof auf. Nach einem Wirtschaftsstudium in São Paulo arbeitete er für die International Coffee Organization in London. Als er eine Stellung bei der Weltbank angeboten bekam, lehnte er ab. Er lernte das Fotohandwerk und arbeitete als freischaffender Fotograf. 1979 wurde er in die Fotoagentur Magnum aufgenommen. Heute gilt Salgado als einer der weltberühmtesten Fotografen.

Sebastião Salgado schafft es mit dieser Ausstellung, das auf die Betrachterinnen und Betrachter zu übertragen, was er selber im Vorwort zum Ausstellungsband beschreibt: «Mir sind Würde, Mitgefühl und Hoffnung begegnet, wo man mit Wut und Bitterkeit gerechnet hätte.» Und auch eine weitere Bemerkung Salgados mag nach dem Ausstellungsbesuch nachwirken: «Die Fähigkeit der Menschen, sich auch an die schrecklichsten Bedingungen noch anzupassen, hat mich immer wieder in Erstaunen versetzt.»

Die Fotoausstellung «Migration» von Sebastião Salgado im Berner Kornhaus dauert noch bis zum 17. März 2002. Geöffnet ist sie: Dienstag bis Freitag von 10.00 bis 19.00 Uhr, Samstag und Sonntag von 10.00 bis 18.00 Uhr.

Auch noch lesen:  Unermüdliches Sehen

Übrigens: Heute ein Jahr WordPress!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.