Die Achtsamkeit führt uns zu den Bildern

Bleiben wir bei Japan und schauen wir uns ein Zitat von einem der geheimnisvollsten japanischen Fotografen, Nobuyoshi Araki an.

The important thing is to shoot with an open frame of mind. You mustn’t let yourself step back. You mustn’t make things too complicated. You mustn’t change lenses. You need to take photographs with the lens in your mind!

Zitiert bei Tokyo Camera Style

Ich finde, Arakis Aussage ist eine viel geistreichere Variante der oft zitierten Binsenwahrheit „Nicht die Kamera [nicht das Objektiv] macht die Fotos, sondern der Mensch dahinter“. Und sie spricht die Fähigkeit für die visuelle Wahrnehmung an, die wir beim Fotografieren einsetzen.

Ich selber besitze keine Wechselobjekive zu meinen Kameras (Moment, zur Minolta X-700 habe ich zwei Objektive). Also kann ich meist schon gar keine Objektive wechseln. Ich stelle auch fest, dass ich praktisch nie das Bedürfnis danach verspüre. Wenn ich mit einer Kamera unterwegs bin, dann stelle ich mich zwar auf deren Eigenschaften (Filmformat, Einstellungsmöglichkeiten, Abbildungsqualität/Schärfe) ein, ich kann aber kaum je die Brennweite nennen (die Angaben sind so wie so relativ wegen unterschiedlichen Aufnahmeformaten, und besonders im Digitalen sagen sie ganz andere Dinge aus).

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Die „lens in your mind“ nehme ich bei mir so wahr, dass ich oft an einem Ort stehen bleibe, wo ich ein Bild sehe. Das Licht stimmt, die Objekte stehen im richtigen Verhältnis zu einander. Die Komposition ist eigentlich bereits dadurch fertig. Das Bild, das ich aus meinem inneren Antrieb wahr nahm, liegt vor mir. Meine Augen haben es so gesehen.

Ein Beispiel ist folgendes Bild.

Gemeinde Egnach, Thurgau

Die Anordnung der Häuser, war das, was ich wahr nahm, und bin entsprechend genau an diesem Punkt stehen geblieben. Unabhängig vom Objektiv bleibt die Anordnung der Häuser gleich.

Natürlich beeinflusst die Objektivbrennweite, wie viel von der Umgebung ich auf das Bild bekomme. Um das zu korrigieren muss ich aber nicht das Objektiv wechseln (oder zoomen), sondern ein paar Schritte gehen – nach hinten, nach vorne die Distanz verändern und im Sucher die Komposition anpassen.

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Es geht mir also darum, mein Gefühl für den richtigen Aufnahmeort zu verfeinern. Das ist eine Aufgabe für die Achtsamkeit. Mir scheint, ich könne mich darauf verlassen, an die guten Standorte geführt zu werden. Und was ich dort so sehe, das fotografiere ich einfach, ohne es kompliziert zu machen – im Idealfall stimmt dazu dann auch die Belichtung und die Schärfe.

Diese Fähigkeit nützt insbesondere, wenn ich mit Lochkameras fotografieren, wo ich keinen Sucher habe. Ich sehe die Objekte, finde einen Standpunkt für die Kamera und mache die Aufnahme.

Dieses Video von Nobuyoshi Araki bei der Arbeit zeigt wunderbar, wie der Fotograf sich selber bewegt um Bilder einzufangen. Ich finde das passt gut zum Zitat.

Eine Reaktion

  1. Eine Vorgehensweise, eine Einstellung, die ich sehr löblich finde.
    Bei manchen Kameras finde ich es auch bereichernd – diese Beschränkung auf ein Objektiv was ja mit Bildwinkel gleichzusetzen ist.
    Immerhin sehen wir unser Leben lang ja auch mit demselben Bildwinkel.

    So denke ich, dass die „Qual der Wahl“ an Objektiven rsp Bildwinkel oft eher verwirrt, als tatsächlich nützt. Insbesondere bei Zooms wo die Brennweitenverstellung ja höchst komfortabel ist.
    Dennoch : man geht damit nicht mehr zum Objekt/Motiv heran, fragt sich nicht mehr, „ist mir das überhaupt möglich“, es tun sich keine Alternativfragen auf wie „was gibt mir dieser Bildwinkel für eine weitere gestalterische Möglichkeit – ziehe ich etwas Weiteres mitein oder extrahiere ich?
    Der eigene Blick wird dadurch kaum mehr geschärft – das Motiv ist nicht mehr das wie es sich quasi tatsächlich stellt und wir es mit der Kamera gestalterisch als Foto darstellen vermögen können. Sondern es wird zu dem wie wir’s wollen.

    Dennoch sind mir jeweils verschiedene Brennweiten/Objektve schon wichtig. Sie „machen“ nicht das Bild, aber sie verhelfen dazu. Darauf beschränkt, sind sie mir meist unverzichtbar.

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