Slow Photography

Essay «Slow Photography»: Eine persönliche Sicht auf das achtsame Fotografieren

Von Stefan Bucher

In diesem Text möchte ich besprechen, welche Lebenseinstellung mein Fotografieren bestimmt und wie die Fotografie sowohl Übung wie auch Ausdruck davon ist.

Der Anlass zu diesem Essay ist eine Veränderung in meinem Leben, durch die ich mich als Mensch immer besser kennen lernte. Der Begriff «Slow Photography» hilft mir zu erklären, wie ich mich in den Landschaften bewege und Bilder finde, die Ausdruck meiner Empfindungen an einem Ort sind.

Was ist «Slow Photography»?

Im Internet hat sich er Begriff «Slow Photography» seit einiger Zeit langsam verbreitet und ist auch von den Medien aufgegriffen worden. Die «Slow Photography» ist keine fest verankerte Bewegung. Es gibt keine Organisation und keine Regeln.

Einige Fotografen haben ihre Ideen zu einem verlangsamten fotografischen Arbeiten veröffentlicht. Die Langsamkeit scheint eine Gegenbewegung zur hochpräzisen und massenhaft verfügbaren Digitalfotografie zu sein.

Den langsamen Fotografen ist das Handwerk wichtig. Für viele liegt der bevorzugte Prozess im Arbeiten mit fotografischem Film und Papier. Eine beschränkt verfügbare Anzahl Bilder verlangt von den Fotografen, sich genau zu überlegen, wann sie abdrücken wollen. Umso mehr Sorgfalt und Geduld geht so in jedes Foto.

Es scheint, als spreche der Begriff viele Hobbyfotografen an, die alle ihre eigene, je etwas andere Interpretation haben, was die «langsame Fotografie» für sie bedeutet. Ich beschreibe hier meine persönliche Sicht.

Ich betrachte in der Folge drei Leitgedanken um darzulegen, woher meine Motivation für das langsame Fotografieren kommt.

Achtsamkeit

Seit knapp zwei Jahren praktiziere ich Achtsamkeits-Meditation. Meine Einstellung zum Leben hat sich dadurch tiefgreifend verändert. Die Achtsamkeit ist der Schlüssel zu meinem Wohlbefinden in allen Bereichen meines Lebens.

Die Achtsamkeit-Meditation ist eine Schulung der Wahrnehmung im Hier und Jetzt. Beispielsweise in der Wahrnehmung des Atems lernt man sein ganzes Dasein als Mensch zu erfahren. Ich bin dadurch im Umgang mit Menschen einfühlsamer geworden und klarer in meinem Auftreten. Meine Körperhaltung hat sich aufgerichtet und entspannt. Ich habe Ängste verloren. Ich lasse mich nicht mehr so leicht aus der Ruhe bringen. Ich lasse mich nicht durch schnelles Urteilen von Meinungen gefangen nehmen.

Die Achtsamkeit bringt noch weitere Entdeckungen zutage. Ich habe erkannt, dass sich alles in ständiger Veränderung befindet. Das erfahre ich mit jedem Atemzug und beispielsweise auch im Empfinden von Unwohlsein oder Schmerzen in meinem Körper. Ich habe auch gelernt, die Gedanken kommen und gehen zu lassen ohne sie festzuhalten.

Die geschulte Wahrnehmung erfahre ich auch in meinem Zuhause: Ich erlebe mich sehr bewusst in den Räumen. Ich nehme das Licht wahr auf den Oberflächen. Ich lausche den Geräuschen. Wenn ich ganz in einer Situation präsent und achtsam bin, kann ich immer deutlicher beobachten, wie ich auf alle Wahrnehmungen reagiere und was sie bei mir auslösen. Mein Fotografieren ist ein Einüben in solche tiefe Erlebnisse des Daseins. Was daraus resultiert, sind im besten Fall Bilder, die ein Ausdruck meines Empfindens in solchen Momenten darstellen.

Ich fotografiere schon seit meiner Jugend. Selbstverständlich habe ich auch damals die Umgebung wahrgenommen und bewusst Fotos gemacht. Mit der Übung der Achtsamkeit in den letzten zwei Jahren erkenne ich jetzt, welche Qualitäten mit dem bewussten Wahrnehmen verbunden sind. Ich sehe es übrigens als eine umso schönere Bestätigung meines Fotografierens, wenn ich in meinem Blick von früher und meinem Sehen von heute dieselbe Persönlichkeit wieder erkenne. Dies ist das Zeugnis meines Lebens.

Natur

Wann immer ich Zeit zum Fotografieren habe, zieht es mich in die Natur. Oder in die Stadt an einen Ort, wo die Natur vorherrscht. Wenn ich auf Geschäftsreisen bin und nur eine Stunde für mich Zeit finde, gehe ich in einen Park oder an ein Gewässer. Selbst wenn ich in der Stadt eingeschlossen bin, blicke ich ab und zu zum Himmel, denn er ist ein Stück Natur, das immer anwesend ist.

Ich habe in den letzten Jahren verschiedene Reisen ans Meer unternommen. Das Erlebnis von Wasser, Luft und Erde in den Landschaften am Meer lässt mich die Natur und meine Reaktion darauf intensiv wahrnehmen. So machte ich auf Guernsey (Kanalinsel) und Portugal zwei Fotoserien am Meer. Ich habe wahrgenommen, dass vom Meer bei Ebbe nichts mehr zu sehen und zu hören ist. Während es bei Flut mit ganzer Kraft und heftigem Brausen auf das Land und die Menschen einwirkt.

In den Landschaften lerne ich Naturgesetze kennen und beobachte das Kommen und Gehen, die ständige Veränderung, die Dunkelheit und den Zerfall. Nasses Laub, ein Gewirr von Ästen, die Struktur von Holz oder Fels, die minimalistische Einfachheit des Horizonts. Solche Bilder der Natur entstehen, wenn ich in den Landschaften achtsam wahrnehme, was gerade vorhanden ist.

Exkurs: Östlicher Einfluss

Meine aktuelle Lebensanschauung ist geprägt von verschiedenen östlichen Einflüssen.

Seit vier Jahren trainiere ich Tai Chi. Die chinesischen Körperübungen haben ihre Wurzeln im Kampfsport und stützen sich auf die daoistische Philosophie. Von dort kommt etwa die Lehre von Wu-wei, das Handeln im Fluss der Natur, ohne dass der Mensch etwas gegen die Natur erzwingen will.
Wir üben stark mit Yin und Yang, das heisst Abwechslung von Sammlung und Aktion, die zusammen eine Einheit bilden. Dieses Prinzip der Wandlung kann ich auch in der Natur beobachten.

Ich habe mich mit der japanischen Fotografie beschäftigt und Bücher über die japanische Ästhetik gelesen. Dort begegnet man natürlichen Materialien, Schatten, Dunkelheit, verdecktem Durchblick. Hochgehalten wird das Unperfekte. Es wird das Empfinden von flüchtigen Momenten gefeiert, nicht aber daran festgehalten.

Ich schreibe auch Haiku, die dreizeiligen Gedichte nach japanischem Vorbild. Hauptmotiv ist die Natur im Wandel der Jahreszeiten. Es sind praktisch sprachlich eingefangene flüchtige Momente. Ich übe sie, wenn ich achtsam bin und keine Kamera bei mir habe.

Natürlich ist die Achtsamkeit selbst aus dem Buddhismus übernommen. Ich höre mir aus dem Internet die Vorträge einer Mindfulness-Community in den USA an und erfahre dabei viel von der buddhistischen Lebensanschauung für unsere Zeit.

Ohne Erwartung

Ich habe es als Naturwahrheit durch die Achtsamkeit erfahren, dass sich alle Dinge ständig verändern. Und weil das so ist kann ich nicht wissen, wie sich die Dinge ergeben werden. Ich kann nicht in die Zukunft sehen: ich kann den Ausgang eines Projektes nicht voraussagen. Ich kann nicht voraussehen, wie eine Reise werden wird, oder wie ich auf die Erlebnisse reagieren werde. Und ja, ich kann nicht voraussagen, welche Bilder ich machen werden. Und wenn ich ein Foto mache, kann ich nicht voraussehen, wie es auf dem Fotomaterial abgebildet werden wird.

Natürlich plane ich mein Leben und meine Reisen. Und ich lebe mit der Absicht, Gutes zu tun und Grosses zu erreichen. Trotzdem habe ich keine feste Erwartungen an den Ausgang meiner Unternehmungen.

Ich denke manchmal, dass die Erwartungen, die manche Menschen haben, das grösste Hindernis in ihrem Leben sind. Die Erwartungen bestimmen, was die Menschen als schön anerkennen, was sie als gut oder schlecht empfinden sollen. Werden Erwartungen nicht erfüllt, sind die Menschen enttäuscht oder sie denken schlecht über sich selber.

Meine Fotografie ist für mich ein Weg, ohne Erwartungen in der Natur mein Empfinden an einem Ort festzuhalten. Ich nenne das «langsame Fotografie», weil ich durch die Langsamkeit Zeit habe, um mich und meine Umgebung in diesem Prozess wahrzunehmen. Langsam auch, weil ich zu Fuss unterwegs bin. Und weil ich oft lange um ein Objekt herum gehe, das ich fotografieren möchte. Ich suche bewusst einen Blickwinkel, oft setze ich ein Stativ ein. Es kommt auch vor, dass ich lange abwarte, bis ich abdrücke, weil ich auf das Ändern des Lichts warte oder auf eine Welle, oder darauf, bis Menschen aus dem Bild verschwinden. So verwirkliche ich Bilder, die das Erleben an einem Ort zelebrieren. Das sind für mich jeweils kleine Feste, sie machen mich froh und gesund.

Ich fotografiere mit alten Kameras auf Film. Das ist eine Wahl, die ich ebenfalls mit meinen Leitgedanken erklären kann. In den chemischen Prozessen wirkt die Natur. Filmkorn ist organisch, es hat Patina, wie ausgewaschene Steinplatten oder ein abgetretener Holzboden.

Es braucht nicht viel Technik um ein Foto einzufangen. Es genügt eine schwarze Box mit einer kleinen Öffnung und lichtempfindlichem Material. Diese Nähe zum natürlichen Entstehen einer Fotografie erlebe ich am unmittelbarsten, wenn ich mit der selber gebauten Lochkamera fotografiere. Mich faszinieren simple Prinzipien mehr als Megapixel. Ich lasse mich damit natürlich auch auf Unvorhergesehenes ein. Technische Eigenschaften, Mängel oder Zufälle können durchaus ihre Spuren auf den Bildern hinterlassen. Das stört mich nicht. Ich sehe das viel eher als Spiel mit dem Unperfekten.

Ich erwarte keinen perfekten Resultate. Auch wenn gewisse Kreise in der Fotografie diese anstreben wollen und dafür das technisch Machbare ausreizen. Diese Ansprüche teile ich nicht.

Ich besuchte ein Künstlergespräch mit Reto Camenisch, dem Schweizer Fotografen, der im Himalaya Berge und Pilger mit einer Grossformatkamera fotografierte. Aus dem Publikum kam die Frage, warum er denn nicht mit Digitalkamera fotografierte. Ein wesentlicher Nachteil der heutigen Kameras hatte der Fragesteller völlig ausser Acht gelassen: dass sie Batterien brauchen, die auf einer solchen Reise schwer aufzuladen und auch zu tragen wären. Mit den alten Kameras hingegen macht man sich nicht Abhängig von Strom und Rechenleistung.

Und wie steht es mit der Fototechnik, mit Blende und Belichtungszeit? Viele meiner Kameras haben keinen eingebauten Belichtungsmesser. Es gehört zum Erlebnis der Situation, dass ich erstmal versuche, das Licht zu beobachten – seine Richtung, seine Stärke, seine Qualität (ist es hart oder weich?) und dann beurteile ich, wie ich das Licht für ein Foto einsetzen möchte. Es gibt die «Sunny 16»-Regel, mit der die Belichtungszeit ohne Belichtungsmesser ziemlich genau bestimmt werden kann. Oder ich benutze einen Handbelichtungsmesser und stelle die Kamera manuell ein. Die Abläufe habe ich verinnerlicht.

Schluss

Und so betreibe ich also meine Fotografie. Was dabei heraus kommt, versuche ich in Serien zusammenzustellen. Ich habe die Absicht, damit meine Sicht auf die Welt mitzuteilen. Ich gebe den Betrachtern einen Gedanken mit und rege vielleicht zu Empfindungen an.
In einem weiteren Sinn verbreite ich eine Botschaft für mehr Sorgfalt in der Wahrnehmung und Beurteilung, mehr Erfahrungen in der Natur (ohne sie auszunutzen) und mehr Ehrlichkeit und Langsamkeit.

Als Zusammenfassung für mein Essay, kann ich die Postulate einer selbsternannten «Slow Photography Rebellion!» im Internet nennen.

Diese Postulate treffen sich mit meiner Geschichte. Deshalb zähle ich mich gerne zu den «langsamen Fotografen».